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Lagerreichweite berechnen: Formel und schwankender Bedarf
Wie lange reicht der aktuelle Lagerbestand? Die Antwort hängt auch vom Rechenweg ab: Bei derselben Prognose können 8 oder 6 Tage herauskommen. Dieser Beitrag zeigt beide Berechnungen an einem Beispiel und erklärt, welche Bestände, Bedarfe und Annahmen Sie dafür berücksichtigen müssen.

Die Bestandsauswertung zeigt 8,64 Tage Lagerreichweite. Rechnet man dieselbe Prognose Tag für Tag durch, ist der Bestand bereits nach 6,6 Tagen aufgebraucht. Der Unterschied liegt im Rechenweg: Die erste Zahl beruht auf dem durchschnittlichen Tagesbedarf, die zweite berücksichtigt, wann der Bedarf anfällt. Beide Zahlen sind mathematisch korrekt, beantworten aber unterschiedliche Fragen. SAP beschreibt für Supply Network Collaboration beispielsweise eine periodenweise Verrechnung bis zum anteiligen Rest eines Tages. Wer die Lagerreichweite berechnen will, legt deshalb zuerst fest, welche Frage die Zahl beantworten soll.
Lagerreichweite berechnen: Formel und Eingangsgrößen
Die Grundformel ist einfach:
Lagerreichweite = nutzbarer Bestand / erwarteter Bedarf je Tag
Bestand und Tagesbedarf müssen sich auf denselben Artikel, denselben Standort und dieselbe Mengeneinheit beziehen. Bei schwankendem Bedarf wird für diese Formel ein durchschnittlicher Tagesbedarf über einen festgelegten Zeitraum gebildet. Entscheidend ist, welche verfügbaren Mengen und welche Bedarfe in die Rechnung eingehen.
Welcher Bestand in den Zähler gehört
Gemeint ist der nutzbare Bestand, also die Menge, die für den betrachteten Bedarf tatsächlich zur Verfügung steht. Gesperrte Ware, Qualitätsmuster und Bestände, die aus anderen Gründen nicht entnommen werden dürfen, gehören nicht hinein.
Heikler ist der Umgang mit bereits zugesagten Mengen. Hier gibt es zwei saubere Wege, und einer davon sollte bewusst gewählt und dokumentiert sein:
1. Der gesamte nutzbare Bestand wird gegen den gesamten relevanten Bedarf gerechnet, die zugesagten Mengen eingeschlossen. 2. Der um Zusagen bereinigte Bestand wird gegen die entsprechend bereinigten Restbedarfe gerechnet.
Was nicht geht, ist die Mischung: Wer zugesagte Mengen vom Bestand abzieht und dieselben Mengen anschließend noch einmal im abzutragenden Bedarf führt, rechnet sie doppelt heraus und erhält eine zu niedrige Reichweite. Das ist eine Konsistenzbedingung zwischen Zähler und Nenner und keine allgemeingültige Felddefinition; welche Variante Ihr System verwendet, steht in dessen Dokumentation.
Legen Sie außerdem fest, ob die Reichweite bis zum Bestand null oder bis zum Erreichen des Sicherheitsbestands gemessen wird. Bleibt der Sicherheitspuffer im nutzbaren Bestand enthalten, zeigt die Rechnung, wann dieser Bestand vollständig aufgebraucht wäre. Wird der Puffer abgezogen, zeigt sie, wie lange die Menge oberhalb des Sicherheitsbestands reicht. Der Sicherheitsbestand dient dazu, ungeplante Abweichungen abzufangen, und darf dafür auch verbraucht werden. Welche Grenze Ihre Auswertung verwendet, sollte dokumentiert sein. Wie Sie den Puffer bestimmen, erklärt der Beitrag zum Sicherheitsbestand.
Eine zweite Unterscheidung betrifft Eigentum und Verfügbarkeit. Konsignationsware liegt im eigenen Lager, gehört aber noch dem Lieferanten. Sie zählt in die Reichweite nur insoweit, als sie für die betrachtete Versorgung auch entnommen werden darf; die physische Anwesenheit allein genügt dafür nicht. Im Streckengeschäft entsteht gar kein eigener Bestand und damit auch keine Reichweite.
Welcher Bedarf in den Nenner gehört
Für eine rückblickende Auswertung steht dort der vergangene Verbrauch, für die Dispositionsfrage der erwartete künftige Bedarf. Diese beiden Varianten beschreibt der Beitrag zu den Lagerkennzahlen als historische und operative Reichweite. Hier geht es um die zweite: Sie beantwortet, wie lange der Bestand voraussichtlich trägt.
Für vergleichbare Ergebnisse müssen auch Prognosehorizont und Tageskalender zusammenpassen. Der Prognosehorizont legt fest, über welchen Zeitraum die Bedarfe betrachtet werden. Der Tageskalender bestimmt, ob die Reichweite in Kalender- oder Arbeitstagen angegeben wird. Unterschiedliche Festlegungen können sinnvoll sein, müssen bei Vergleichen aber kenntlich gemacht oder auf eine gemeinsame Basis gebracht werden.

Warum zwei Rechenwege für dieselbe Lagerreichweite verschiedene Zahlen ergeben
Solange der Bedarf gleichmäßig verläuft, liefern beide Wege nahezu dieselbe Lagerreichweite. Interessant wird es, wenn er das innerhalb des Horizonts nicht tut. Anlässe dafür gibt es in jedem Sortiment mit ungleichmäßigem Absatz: Eine Aktionswoche, ein Feiertag, ein Saisonwechsel oder ein anlaufender Neuartikel können den Bedarf innerhalb weniger Tage erheblich verschieben.
Das folgende Beispiel ist ein Rechenszenario mit runden Zahlen, kein gemessener Fall. Gerechnet wird es an einem Molkereiartikel in einer Aktionswoche; die Rechnung selbst gilt unabhängig vom Sortiment. Nutzbarer Bestand zu Beginn von Tag 1: 540 Einheiten. Der Prognosehorizont umfasst zehn Kalendertage. Für Tag 1 bis 5 erwartet die Planung wegen einer Aktion je 100 Einheiten, für Tag 6 bis 10 je 25 Einheiten, Wochenende eingeschlossen. Der Gesamtbedarf im Horizont beträgt damit 625 Einheiten.
Der Weg über den Durchschnittsbedarf
Hier wird zuerst ein mittlerer Tagesbedarf gebildet und der Bestand anschließend durch diesen Wert geteilt:
625 Einheiten / 10 Tage = 62,5 Einheiten pro Tag. Daraus folgt: 540 Einheiten / 62,5 Einheiten pro Tag = 8,64 Tage
Diese Lagerreichweite setzt den Bestand ins Verhältnis zum durchschnittlichen Bedarf des betrachteten Zeitraums. Bei einheitlicher Berechnungsbasis lassen sich damit Artikel vergleichen. Für eine Kennzahl über mehrere Artikel hinweg genügt es jedoch nicht, deren Reichweiten ungewichtet zu mitteln; dafür braucht es eine passende Gewichtung oder eine gemeinsame Bewertungsbasis für Bestand und Bedarf.
Der Weg über die periodengenaue Verrechnung
Hier wird der Bestand Tag für Tag gegen die erwarteten Bedarfe abgetragen, bis er rechnerisch aufgebraucht ist:
Tag 1 bis 5 verbrauchen 5 × 100 = 500 Einheiten, es verbleiben 40. 40 Einheiten / 25 Einheiten pro Tag = 1,6 weitere Tage. Zusammen 6,6 Tage
Herstellerdokumentationen zeigen, wie einzelne Systeme den zeitlichen Verlauf berücksichtigen. Oracle beschreibt für JD Edwards die Kennzahl als die Anzahl der Tage bis zum Unterschreiten von null. SAP Supply Network Collaboration verrechnet den projizierten Bestand am Ende einer Periode mit den Bedarfen der Folgeperioden und berücksichtigt den letzten Tag anteilig. Im obigen Beispiel beginnt die Rechnung dagegen mit dem Bestand zu Beginn von Tag 1.
Was die beiden Zahlen unterscheidet
Beide Rechnungen sind mathematisch korrekt, beide verwenden dieselben 540 Einheiten und dieselbe Prognose. Sie beantworten verschiedene Fragen. Die 8,64 Tage sagen, wie sich der Bestand zum mittleren Bedarf des Horizonts verhält. Die 6,6 Tage sagen, wann der Bestand voraussichtlich aufgebraucht ist, wenn die Bedarfe in der prognostizierten Reihenfolge eintreffen.
Der Durchschnitt bildet die zeitliche Folge der Bedarfe nicht ab. Verschiebt man die Aktion an das Ende des Beispiels, werden an Tag 1 bis 5 je 25 und an Tag 6 bis 10 je 100 Einheiten benötigt. Gesamtbedarf und Durchschnitt bleiben bei 625 beziehungsweise 62,5 Einheiten. Die Durchschnittsreichweite beträgt weiterhin 8,64 Tage. Die periodengenaue Rechnung ergibt dagegen 9,15 Tage: Nach den ersten fünf Tagen sind noch 415 Einheiten vorhanden, die bei 100 Einheiten pro Tag weitere 4,15 Tage reichen.
Der Mittelwert hängt also nicht davon ab, wann die Spitze liegt; er ist gegen die Reihenfolge blind. Genau darin liegt der Unterschied der beiden Verfahren: Liegt die Spitze vorn, ist der Bestand früher aufgebraucht als der Durchschnitt erwarten lässt, liegt sie hinten, später. Beides gilt allerdings nur, solange der Bestand innerhalb des Horizonts überhaupt aufgebraucht wird.
Vier Annahmen stecken in der Rechnung mit 6,6 Tagen, und sie gehören zur Zahl dazu: keine Zugänge innerhalb des Horizonts, keine gesperrten Mengen, eine nach dem vorigen Abschnitt konsistente Bedarfsabgrenzung, und innerhalb des letzten Tages eine gleichmäßige Verteilung des Bedarfs. Die 6,6 Tage sind damit ein Rechenergebnis unter Annahmen und kein zugesagter Ausverkaufszeitpunkt. Ein Prognosefehler verschwindet durch das Kumulieren ebenso wenig; er verschiebt nur den Punkt, an dem die Kurve die Nulllinie schneidet.
Beide Rechnungen lassen sich in einer Tabellenkalkulation nachbauen, sobald der Forecast spaltenweise je Tag vorliegt. Der Aufwand liegt nicht in der Formel, sondern darin, den Forecast überhaupt in dieser Auflösung verfügbar zu haben.
Welche Annahmen die Aussagekraft der Lagerreichweite begrenzen
Keiner der folgenden Fälle macht die Kennzahl unbrauchbar. Jeder von ihnen begrenzt aber, was sie aussagt, und sollte deshalb in der Auswertung erkennbar sein.
Kein geplanter Bedarf im Horizont
Ist der angenommene Tagesbedarf null, ist die Division nicht definiert, und auch die periodengenaue Rechnung findet keinen Nulldurchgang. Wichtig ist hier die Unterscheidung zwischen Historie und Prognose: Ein Artikel ohne Bewegung in den letzten Wochen kann durchaus einen positiven Forecast haben, etwa ein Neuartikel vor der Listung oder ein Saisonartikel vor seinem Zeitfenster. Der Sonderfall hängt also am fehlenden geplanten Bedarf und nicht an der fehlenden Vergangenheit.
Für Einzelreichweiten brauchen solche Artikel eine getrennte Behandlung, weil sie sonst eine Auswertung mit undefinierten Werten füllen. Aus einer Überbestands- oder Kapitalbindungsauswertung gehören sie deshalb nicht heraus; dort ist gerade der liegende Bestand die interessante Größe.
Der Bestand reicht über den Horizont hinaus
Ist am Ende des Prognosehorizonts noch Bestand übrig, lässt sich der genaue Aufbrauchzeitpunkt ohne weitere Bedarfsannahmen nicht bestimmen. Die Auswertung sollte dann etwa „mehr als zehn Tage“ anzeigen, wenn der Horizont zehn Tage umfasst. Die Horizontlänge ist hier eine Untergrenze, keine exakt berechnete Reichweite. Auch eine Durchschnittsrechnung kann einen höheren Zahlenwert ergeben; sie unterstellt damit jedoch, dass der gewählte Durchschnitt über den betrachteten Zeitraum hinaus gilt.
Zugänge innerhalb des Horizonts
Eine Reichweite ohne erwartete Zugänge beantwortet eine andere Frage als eine mit. Oracle führt für JD Edwards beide Kennzahlen getrennt und rechnet Zugänge jeweils zu ihrem Datum ein. Der Unterschied ist mehr als eine Feinheit: Ein Zugang am Tag 8 schließt eine Lücke nicht, die am Tag 6 entsteht. Wer Bestand und offene Bestellungen einfach addiert, bevor er teilt, verdeckt genau diese Lücke.
Feste Bestell- und Liefertage bestimmen mit, wann die nächste Versorgung tatsächlich möglich ist. Für die Nachbestellung muss dieser Kalender berücksichtigt werden. Wie daraus ein Bestellschwellenwert entsteht, behandelt der Beitrag zum Meldebestand.
Ein weiterer Fall wirkt sich auf mehrere dieser Größen zugleich aus. Bei Ware mit begrenzter Haltbarkeit ändert sich sowohl, was in den Zähler gehört, als auch, wie lange das Ergebnis überhaupt gilt. Der folgende Abschnitt behandelt ihn deshalb gesondert.
Lagerreichweite berechnen bei Lebensmittel- und Frischwaren
Bei Lebensmitteln mit begrenzter Haltbarkeit reicht der Blick auf die Gesamtmenge nicht aus. Zusätzlich zählen die Restlaufzeit jeder Charge, also die verbleibende Zeit bis zum maßgeblichen Datum, die Entnahmereihenfolge und die Anforderungen der Abnehmer. Der folgende Abschnitt zeigt, wie diese Bedingungen die nutzbare Menge begrenzen. Was daraus für die Bestellmenge folgt, steht im Beitrag zu MHD und Verderb.
Welcher Bestand zählt, wenn die Chargen verschieden alt sind
Die Reichweite über den Gesamtbestand behandelt 540 Einheiten als eine Menge. Liegen davon 240 Einheiten mit drei Tagen Restlaufzeit und 300 Einheiten mit elf Tagen, beschreibt eine einzige Zahl zwei Bestände mit sehr verschiedenem Risiko.
Im Beispiel wird die ältere Charge zuerst entnommen; ihre drei Tage Restlaufzeit zählen ab Beginn von Tag 1. Bei einem gleichmäßig über den Tag verteilten Bedarf von 100 Einheiten sind ihre 240 Einheiten nach 2,4 Tagen aufgebraucht. Liegt die Aktion dagegen am Ende des Horizonts, werden in den ersten drei Tagen nur 3 × 25 = 75 Einheiten benötigt. Von der älteren Charge bleiben dann 165 Einheiten übrig. Ob diese noch geliefert, anderweitig verkauft oder zurückgegeben werden können, hängt unter anderem von der Datumsart und den Vereinbarungen mit Kunden und Lieferanten ab.
Die Durchschnittsreichweite bleibt in beiden Fällen bei 8,64 Tagen, obwohl bei der späteren Aktion 165 Einheiten der älteren Charge innerhalb ihrer Restlaufzeit nicht benötigt werden. Um dieses Risiko zu erkennen, müssen die erwarteten Entnahmen den einzelnen Chargen und ihren Restlaufzeiten zugeordnet werden. Dabei darf derselbe Bedarf nicht mehreren Chargen zugleich zugerechnet werden. Microsoft nennt für Dynamics 365 eine entsprechende Voraussetzung: Der Artikel muss auf der Chargendimension geführt werden.
Wie die Entnahmereihenfolge die Zahl verändert
Ob die ältere Charge wirklich zuerst herausgeht, ist eine Konfigurationsfrage. Systeme führen die Entnahmestrategie als eigenes Feld, und FEFO, also First Expired First Out, sortiert nach Ablaufdatum statt nach Eingangsdatum. Microsoft beschreibt für Business Central, dass bei FEFO die Artikel mit dem frühesten Verfallsdatum zuerst kommissioniert werden.
FEFO legt fest, welche zulässige Charge zuerst entnommen wird. Die reine Mengenreichweite des Gesamtbestands ändert sich dadurch zunächst nicht; die Entnahmereihenfolge beeinflusst aber, welche Charge rechtzeitig verbraucht wird. Gesperrte Chargen und fest zugeordnete Kundenaufträge können diese Reihenfolge einschränken. FIFO, also die Entnahme nach Eingangsdatum, und FEFO führen nur dann zur gleichen Reihenfolge, wenn früher eingegangene Chargen auch früher ablaufen. Eine gleichbleibende Gesamthaltbarkeit allein garantiert das nicht.
Für die Entnahmereihenfolge kann auch ein vorgelagertes Datum maßgeblich sein. Odoo verwendet bei FEFO ein Entnahmedatum, das eine feste Zahl von Tagen vor dem Verfallsdatum liegen kann. Dieses Datum steuert die Priorität bei der Entnahme; es ist für sich genommen keine rechtliche Verkaufsgrenze. In Dynamics 365 lässt sich für die FEFO-Reservierung wählen, ob das Verfallsdatum oder das Mindesthaltbarkeitsdatum maßgeblich ist. Prüfen Sie deshalb, auf welches Datum sich die ausgewiesene Restlaufzeit und die Entnahmeregel jeweils beziehen.
Wie viel Restlaufzeit beim Wareneingang schon vergeben ist
Die Haltbarkeit eines Artikels und die Zeit, die dem eigenen Lager davon bleibt, sind zwei verschiedene Größen. Fordert der Abnehmer bei Anlieferung eine Mindestrestlaufzeit, verkürzt sich das Fenster, in dem die Ware planbar abfließen kann. Um wie viel, hängt davon ab, ob die Vorgabe in Tagen oder als Anteil der Gesamthaltbarkeit vereinbart ist; SAP kennt beide Formen.
Systeme führen beide Werte deshalb getrennt. SAP unterscheidet in S/4HANA im Materialstamm die Gesamthaltbarkeitsdauer, also die Zeit von der Herstellung bis zum Ablaufdatum, von der Mindestrestlaufzeit, die eine Charge beim Wareneingang noch mitbringen soll; unterschreitet sie diese, gibt das System je nach Einstellung eine Warnung aus oder verweigert die Annahme. Die Dokumentation rechnet das an einem Beispiel aus der Lebensmittelbranche vor: Bei einer Gesamthaltbarkeit von 50 Tagen und einer geforderten Mindestrestlaufzeit von 40 Tagen wird eine Charge mit 27 verbleibenden Tagen zurückgewiesen.
Für die Reichweite heißt das zweierlei. Die Obergrenze, gegen die sie sinnvoll gelesen wird, ist nicht die Haltbarkeit laut Artikelstamm, sondern die Restlaufzeit der konkret eingelagerten Charge. Was davon für eigene Handelskunden reserviert bleiben muss, behandelt der Beitrag zu MHD und Verderb. Und wird eine Charge tatsächlich zurückgewiesen, fällt ein eingeplanter Zugang aus: Eine Reichweitenrechnung, die die bestellte Menge bereits als Zugang führt, überschätzt in diesem Fall die Deckung.
Ob die Restlaufzeit eine harte Grenze ist, hängt vom Datum ab
Bei sehr leicht verderblichen vorverpackten Lebensmitteln, die nach kurzer Zeit eine unmittelbare Gesundheitsgefahr darstellen können, steht ein Verbrauchsdatum anstelle des Mindesthaltbarkeitsdatums. Nach Ablauf des Verbrauchsdatums gilt das Lebensmittel laut EU-Lebensmittelinformationsverordnung als nicht sicher. Was nicht sicher ist, darf nach der EU-Basisverordnung nicht in Verkehr gebracht werden. Nach Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums kann ein Verkauf dagegen weiterhin möglich sein, sofern die Ware sicher und zum Verzehr geeignet ist. Die Prüfung liegt in der Verantwortung des verkaufenden Unternehmens, wie die Wissenschaftlichen Dienste des Bundestages erläutern.
Nach Ablauf des Verbrauchsdatums darf die Ware nicht mehr als nutzbarer Bestand für die Belieferung gerechnet werden. Wer einen daraus entstehenden Verlust trägt, hängt unter anderem von Eigentum und Rücknahmevereinbarungen ab. Beim Mindesthaltbarkeitsdatum ist die Lage anders: Sein Ablauf macht die Ware nicht automatisch unverkäuflich; Sicherheit und Verzehrfähigkeit müssen weiterhin gegeben sein. Zusätzlich können Kundenvereinbarungen die Lieferung schon vor diesem Datum ausschließen. Für eine passende Auswertung braucht es daher die Datumsart, das konkrete Datum je Charge und die Restlaufzeitanforderungen der Abnehmer.
Warum der Rechenweg bei kurzer Haltbarkeit stärker ins Gewicht fällt
Bei schwankendem Bedarf kann eine Durchschnittsreichweite länger oder kürzer ausfallen als die periodengenau berechnete Reichweite. Im ersten Beispiel verdecken die 8,64 Tage, dass der Bestand entlang der Prognose bereits nach 6,6 Tagen aufgebraucht wäre. Bei der nach hinten verschobenen Aktion bleibt dagegen Ware länger liegen, als die 8,64 Tage vermuten lassen. Für Frischware sind beide Abweichungen relevant: Die eine kann eine Versorgungslücke verdecken, die andere Bestände, die vor dem erwarteten Abverkauf ihre nutzbare Restlaufzeit überschreiten. Auch bei Arbeitstagen können solche Unterschiede entstehen; entscheidend ist die Verteilung der Bedarfe im gewählten Kalender.
Microsoft empfiehlt für Dynamics 365 bei periodischer Bedarfsdeckung deshalb, den Eindeckzeitraum kürzer zu wählen als die Haltbarkeit eines Artikels. Um wie viel kürzer, lässt die Dokumentation offen; sie begründet die Empfehlung damit, dass die Planung sonst in einen Zielkonflikt zwischen Termintreue und Haltbarkeit gerät.
Was die Reichweite bei verderblicher Ware nicht leistet
Eine reine Mengenreichweite berücksichtigt weder das Datum einer Charge noch die Anforderungen der Abnehmer. Übersteigt sie die nutzbare Restlaufzeit, ist das ein Anlass zur Prüfung. Wie viel Ware voraussichtlich übrig bleibt, zeigt erst die Zuordnung der erwarteten Bedarfe zu den verfügbaren Chargen bis zu deren jeweiligem Liefer- oder Verwendungsende. Diese Rechnung liefert einen erwarteten Restbestand unter den gewählten Annahmen, keine sichere Verlustmenge.
Manche Werkzeuge stellen die Verbindung deshalb anders her, nämlich über Mengen statt über Tage. Die Losgrößensimulation aus den SAP Consulting Solutions weist als Risikobestand einen Zugang aus, der innerhalb seiner Haltbarkeitsgrenzen nicht vollständig durch Bedarfe verbraucht wird, und markiert die betroffenen Zellen. Das Zusatzwerkzeug betrachtet damit gefährdete Mengen. Für die laufende Auswertung sollten Reichweite und Restlaufzeit gemeinsam sichtbar sein; bei mehreren Chargen braucht es zusätzlich deren Mengen und erwartete Entnahmen.
Lagerreichweite im Bestellvorschlag: was ein System abnimmt
Bei mehreren tausend Artikeln mit wechselndem Bedarf wird die tägliche Pflege solcher Auswertungen aufwendig. Bei Circly gilt: „Vollständige Nachvollziehbarkeit auf Artikelebene: Jeder Bestellvorschlag zeigt Bestand, Reichweite, Lieferzeit, zugrundeliegende Prognose und Lieferantenrestriktionen.“ Die Dringlichkeitsanzeige beruht auf dem Verhältnis von Bestandsreichweite zu Bestellfrist. Der Disponent prüft den Vorschlag und gibt die Bestellung frei. Die einsehbare Prognose hilft ihm dabei, die Bedarfsannahmen hinter der angezeigten Reichweite nachzuvollziehen.
Fazit
Prüfen Sie zunächst an einem Artikel, welcher Bestand und welcher Bedarf in Ihre Auswertung eingehen. Dokumentieren Sie danach den Prognosehorizont, den Tageskalender und den Umgang mit Sicherheitsbestand und erwarteten Zugängen. Auf dieser Grundlage lässt sich entscheiden, welcher Rechenweg zur Fragestellung passt: Der Durchschnitt setzt den Bestand ins Verhältnis zu einem mittleren Bedarf. Die periodengenaue Verrechnung zeigt, wann er entlang der Prognose aufgebraucht wäre. Nutzen Sie bei Aktionen oder stark schwankenden Tagesbedarfen beide Werte zum Abgleich, bevor Sie aus einer ausgewiesenen Reichweite eine Bestellentscheidung ableiten.
Bei Ware mit begrenzter Haltbarkeit kommt eine zweite Zahl daneben, die keiner der beiden Rechenwege liefert: die Restlaufzeit der Charge, die gerade im Lager liegt.
Weiterführende Quellen
SAP SE: Calculation of Days’ Supply, SAP Supply Network Collaboration 7.0
SAP SE: Calculating the Average Daily Requirements, SAP Library, Material Requirements Planning
SAP SE: Verfallsdatum berechnen und prüfen, SAP S/4HANA, Chargenverwaltung
Microsoft (2025): Picking Items According to FEFO, Dynamics 365 Business Central
Microsoft (2025): Reserve inventory quantities, Dynamics 365 Supply Chain Management
Odoo S.A.: FEFO: First Expired, First Out, Odoo 18.0 Dokumentation
SAP SE: Shelf Life Analysis, SCM Consulting Solutions, Lot Size Simulation
Schönsleben, P. (2024): Handbuch Integrales Logistikmanagement, Springer Vieweg
Gudehus, T. (2010): Logistik. Grundlagen, Strategien, Anwendungen, 4. Auflage, Springer
FAQ
Wie berechnet man die Lagerreichweite?
Für die Durchschnittsrechnung teilen Sie den nutzbaren Bestand durch den durchschnittlichen erwarteten Tagesbedarf. Bei der periodengenauen Verrechnung ziehen Sie die prognostizierten Tagesbedarfe nacheinander vom Bestand ab. Der verbleibende Bestand deckt gegebenenfalls noch einen Teil des letzten Tages. Bei schwankendem Bedarf können beide Verfahren unterschiedliche Werte liefern.
Welcher Bestand gehört in die Berechnung?
Der nutzbare Bestand, also ohne gesperrte Ware und ohne Mengen, die für den betrachteten Bedarf nicht entnommen werden dürfen. Zugesagte Mengen dürfen entweder vom Bestand abgezogen oder im Bedarf geführt werden, aber nicht beides, sonst werden sie doppelt berücksichtigt. Konsignationsware zählt nur mit, soweit sie für diese Versorgung auch verwendet werden darf.
Warum ergeben zwei Rechenwege bei derselben Prognose verschiedene Zahlen?
Weil nur die periodengenaue Verrechnung die Reihenfolge der Bedarfe berücksichtigt. Ein Durchschnitt verteilt den gesamten Bedarf gleichmäßig über den Horizont. Liegt der Schwerpunkt am Anfang, etwa durch eine Aktionswoche, ist der Bestand früher aufgebraucht, als der Durchschnitt erwarten lässt.
Rechnet man mit Kalendertagen oder mit Arbeitstagen?
Beides ist möglich. Für einen direkten Vergleich müssen die Werte auf demselben Tageskalender beruhen oder entsprechend umgerechnet werden. Bei einer Rechnung in Kalendertagen zählen auch Tage ohne Bedarf zum Zeitraum, über den der Durchschnitt gebildet wird.
Was bedeutet es, wenn der Bestand über den Prognosehorizont hinausreicht?
Bleibt am Ende des Prognosehorizonts Bestand übrig, ist ohne weitere Bedarfsannahmen nur eine Untergrenze bekannt, etwa „mehr als zehn Tage“. Eine Durchschnittsrechnung kann einen höheren Wert ergeben, schreibt dafür aber den gewählten Durchschnitt über den Horizont hinaus fort.
Was gilt bei Artikeln ohne geplanten Bedarf?
Bei einem Tagesbedarf von null ist die Division nicht definiert, und es entsteht kein Nulldurchgang. Solche Artikel gehören in Einzelreichweiten-Auswertungen gesondert behandelt. Für Überbestands- und Kapitalbindungsauswertungen bleiben sie relevant, denn dort ist der liegende Bestand gerade der interessante Punkt. Fehlende Vergangenheitsbewegung bedeutet dabei nicht automatisch fehlenden künftigen Bedarf.
Wie rechnen Planungssysteme die Reichweite?
Unterschiedlich, und teils mehrere Verfahren nebeneinander. SAP beschreibt für die Reichweite eine periodenweise Verrechnung des projizierten Bestands gegen die Bedarfe der Folgeperioden, bei der ein angebrochener Tag anteilig eingeht. Oracle definiert für JD Edwards die Zahl der Tage bis zum Unterschreiten von null und führt getrennte Kennzahlen mit und ohne erwartete Zugänge. Welches Verfahren Ihre Auswertung verwendet, steht in der Dokumentation des jeweiligen Systems.
Wie werden erwartete Lieferungen berücksichtigt?
Bei einer Reichweite mit Zugängen müssen Lieferungen zu ihrem erwarteten Verfügbarkeitsdatum in den Bestandsverlauf eingehen. Eine Lieferung am achten Tag verhindert keine Lücke am sechsten Tag. Bestand und offene Bestellungen pauschal zu addieren kann solche Lücken verdecken.
Was bedeutet eine Reichweite von 6,6 Tagen?
Im Beispiel deckt der Bestand sechs volle Tage und 60 Prozent des Bedarfs am siebten Tag. Die Umrechnung in einen Tagesanteil unterstellt, dass sich dieser Bedarf gleichmäßig über den Tag verteilt. Der Wert ist eine Prognoserechnung, kein zugesagter Ausverkaufszeitpunkt.
Lässt sich die Lagerreichweite in Excel berechnen?
Ja. Für die Durchschnittsrechnung benötigen Sie den nutzbaren Bestand und den mittleren Tagesbedarf. Für die periodengenaue Rechnung führen Sie den Bestand anhand der erwarteten Bedarfe je Tag fort, bis er aufgebraucht ist. Beide Varianten müssen dieselbe Bestands- und Bedarfsabgrenzung verwenden.
