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Lagerkennzahlen berechnen: 7 Kennzahlen mit Beispielen

Zwei Unternehmen berechnen denselben Lagerumschlag und kommen auf unterschiedliche Ergebnisse, obwohl beide ihre Formel korrekt anwenden. Der Unterschied liegt häufig nicht in der Formel, sondern in drei Festlegungen, die vor der Rechnung getroffen werden müssen. Dieser Beitrag erklärt sieben Lagerkennzahlen mit Formel und Rechenbeispiel und zeigt, was feststehen muss, damit die Ergebnisse vergleichbar sind.

Im Großhandel mit 10 bis 50 Millionen Euro Umsatz entfallen 32,1 Prozent der Bilanzsumme auf Vorräte, im Einzelhandel derselben Größenklasse 33,1 Prozent (Deutsche Bundesbank, Jahresabschlussstatistik, Verhältniszahlen, Mai 2026, Bilanzjahr 2023). Damit macht der Warenbestand in beiden Gruppen rund ein Drittel der Bilanzsumme aus. Entsprechend genau wird hingesehen, wenn Lagerkennzahlen im Monatsbericht stehen. Genau dort beginnt das Problem: Umschlag, Reichweite und Kapitalbindung lassen sich je nach Auswertungszweck unterschiedlich berechnen. Die Ergebnisse können jeweils methodisch konsistent sein und trotzdem voneinander abweichen. Die VDI-Richtlinie 4490 formuliert es nüchtern: Isoliert betrachtete Kennzahlen sind in ihrer Aussage zunächst neutral.

Drei Festlegungen, bevor Sie Lagerkennzahlen berechnen

Bevor die erste Formel zum Einsatz kommt, sind drei Dinge zu klären. Werden sie nicht dokumentiert, sind die Ergebnisse weder im Zeitvergleich noch mit den Werten anderer Unternehmen verlässlich vergleichbar.

Die Bewertungsbasis. Rechnen Sie in Mengen oder in Werten? Beides geht, aber nur konsequent. Wer in Werten rechnet, stellt den Wareneinsatz (also den Abgang zu Einstandspreisen) dem Bestand zu Einstandspreisen gegenüber. Wird stattdessen der Umsatz zu Verkaufspreisen gegen einen Bestand zu Einstandspreisen gerechnet, steckt die komplette Handelsspanne im Ergebnis.

Bei einem Wareneinsatz von 72.000 Euro und 100.000 Euro Umsatz ergibt der konsistente Rechenweg einen Umschlag von 12, der vermischte einen von 16,7. Die Differenz zeigt keine höhere Lagerleistung, sondern entsteht durch die unterschiedliche Bewertungsbasis. Die VDI-Richtlinie 4400 führt die Kennzahl deshalb ausdrücklich als „Bewertete Umschlagshäufigkeit“ und begründet ihre Definitionen mit der notwendigen einheitlichen Erhebung.

Die Periode. Ein Umschlag von 3 im Quartal und einer von 12 im Jahr beschreiben denselben Sachverhalt. Vergleichbar werden sie erst, wenn beide auf dieselbe Periode bezogen oder auf ein Jahr hochgerechnet sind. Bei der Reichweite ist das weniger heikel: Eine Reichweite in Tagen bleibt vergleichbar, solange der Bedarf sauber auf Tage normiert ist.

Das Datenkorn. Rechnen Sie je Artikel, je Warengruppe oder über das Gesamtsortiment, für ein Lager oder für alle? Ein Sortimentsumschlag von 12 kann aus Artikeln mit einem Umschlag von 40 und solchen mit einem Umschlag von 2 entstehen. Verhältniskennzahlen unterschiedlicher Ebenen lassen sich weder direkt addieren noch ohne Gewichtung mitteln. Ein Durchschnitt über heterogene Artikel verdeckt zudem genau die Fälle, die Aufmerksamkeit brauchen. Bei mehreren Standorten kommt eine weitere Frage hinzu: Zählt Ware, die zwischen Zentrallager und Vorlager unterwegs ist, bereits zum Bestand des Ziellagers? Ohne einheitliche Regel kann dieselbe Palette je nach Auswertung doppelt oder gar nicht erfasst werden.

Eine Grenze gilt für die bestandsbezogenen Kennzahlen in diesem Beitrag: Sie setzen eigene lagerhaltige Ware voraus. Im Streckengeschäft liefert der Lieferant direkt an den Kunden; Durchschnittsbestand, Umschlag, Reichweite, Kapitalbindung und Lagerzinsen des eigenen Lagers entfallen deshalb. Die Lieferleistung kann dennoch über einen Servicegrad gemessen werden. Konsignationsware liegt dagegen im eigenen Lager, gehört aber noch dem Lieferanten: Sie zählt für Verfügbarkeit und Reichweite, nicht jedoch für die eigene Kapitalbindung und die daraus abgeleiteten Lagerzinsen.

Eine einfache Prüffrage lautet: Auf welcher Bewertungsbasis wurde der Umschlag in Ihrem letzten Bericht berechnet? Fällt die Antwort im Unternehmen nicht eindeutig aus, ist die Kennzahl nicht belastbar vergleichbar.

Lagerkennzahlen berechnen: Bestand, Umschlag und Lagerdauer

Die ersten drei Kennzahlen der Lagerwirtschaft hängen zusammen wie Glieder einer Kette. Der Durchschnittsbestand ist die Bezugsgröße, der Umschlag setzt den Abgang dazu ins Verhältnis, und die Lagerdauer übersetzt den Umschlag in Tage. Alle Beispiele in diesem Abschnitt verwenden denselben Artikel: eine Sorte Mineralwasser mit einem Jahresabgang von 12.000 Kisten und einem Einstandspreis von 6 Euro je Kiste.

Durchschnittlicher Lagerbestand

Der durchschnittliche Lagerbestand ist der mittlere Bestand einer Periode. Für diese Lagerkennzahl gibt es zwei gebräuchliche Formeln. Die einfache nimmt Anfangs- und Endbestand:

Durchschnittsbestand = (Anfangsbestand + Endbestand) / 2

Mit 1.200 Kisten am 1. Januar und 800 Kisten am 31. Dezember ergibt das 1.000 Kisten. Aussagekräftiger ist meist eine Berechnung aus dem Anfangsbestand und den zwölf Monatsendbeständen, geteilt durch 13. Doch auch Monatsstichtage können kurze Spitzen übersehen. Lagern wegen einer Sommeraktion sechs Wochen lang 2.500 Kisten, bildet die Zwei-Punkte-Variante diese Bevorratung nicht ab. Wer daraus anschließend die Kapitalbindung berechnet, kann sie für das Aktionsjahr deutlich unterschätzen. Je stärker der Bestand innerhalb der Periode schwankt, desto sinnvoller sind häufigere Stichtage oder ein zeitgewichteter Durchschnitt.

Lagerumschlag

Der Lagerumschlag (auch Umschlagshäufigkeit) sagt, wie oft der durchschnittliche Bestand in einer Periode umgesetzt wurde.

Lagerumschlag = Jahresabgang / durchschnittlicher Lagerbestand

12.000 Kisten Abgang zu 1.000 Kisten Durchschnittsbestand ergeben einen Umschlag von 12. In Werten gerechnet ergeben 72.000 Euro Wareneinsatz zu 6.000 Euro Bestandswert ebenfalls 12. Im vereinfachten Einzelartikelbeispiel bestätigt die Übereinstimmung, dass Mengen- und Wertrechnung konsistent sind. Bei wechselnden Einstandspreisen oder auf Sortimentsebene können zusätzlich Bewertungseffekte und ein veränderter Produktmix zu Abweichungen führen.

Durchschnittliche Lagerdauer

Die durchschnittliche Lagerdauer sagt, wie lange eine Einheit im Mittel liegt. Sie ist der Kehrwert des Umschlags, umgerechnet auf Tage:

Durchschnittliche Lagerdauer = 360 / Lagerumschlag

Bei einem Umschlag von 12 sind das 30 Tage. Ob Sie mit 360 oder 365 Tagen rechnen, ist eine Konvention; sie muss nur über alle Artikel und alle Perioden dieselbe bleiben. Die Lagerdauer ist die Brücke zur Finanzseite, denn sie bestimmt, wie lange das Kapital in der Ware gebunden ist.

Lagerkennzahlen zu Reichweite, Servicegrad, Kapitalbindung und Lagerzinsen

Die nächsten vier Lagerkennzahlen erweitern die Perspektive. Die historische Reichweite blickt zurück, die operative Reichweite nach vorn. Der Servicegrad misst die bisherige Lieferleistung, während Kapitalbindung und Lagerzinsen den Bestand finanziell abbilden.

Lagerreichweite

Eine häufige Unschärfe entsteht, weil zwei verschiedene Fragen dieselbe Bezeichnung tragen. Die historische Reichweite blickt zurück:

Historische Reichweite = durchschnittlicher Lagerbestand / durchschnittlicher Tagesverbrauch

1.000 Kisten zu rund 33 Kisten Tagesverbrauch ergeben 30 Tage. Bei identischer Datenbasis entspricht dieser Wert der durchschnittlichen Lagerdauer und eignet sich für die rückblickende Auswertung. Die aktuelle Bestellfrage beantwortet er allein jedoch nicht. Für die aktuelle Disposition ist deshalb die operative Reichweite:

Operative Reichweite = aktueller verfügbarer Bestand / erwarteter Tagesbedarf

Der verfügbare Bestand ist der physische Bestand abzüglich bereits zugesagter Mengen (Schönsleben 2024, Kapitel 12). Stehen am Montag 480 Kisten zur Verfügung und erwartet die Planung für die anstehende Aktionswoche einen Bedarf von 60 Kisten pro Tag, beträgt die Reichweite 8 Tage. Mit dem historischen Tagesverbrauch von rund 33 Kisten wären es gut 14 Tage. Dieselbe Ware ergibt zwei Werte, von denen nur der operative die aktuelle Bestellfrage beantwortet. Schwankt der erwartete Bedarf stark, sollte die Reichweite nicht aus einem einzigen Tagesdurchschnitt entstehen; dann wird der Forecast tag- oder wochenweise kumuliert, bis der verfügbare Bestand aufgebraucht ist. Bei Ware mit begrenzter Haltbarkeit kommt die Restlaufzeit hinzu: Eine Reichweite von 40 Tagen bei 25 Tagen Restlaufzeit signalisiert ein Abschriftenrisiko, nicht zusätzliche Sicherheit. Wie sich das in der Bestandsplanung abbilden lässt, steht im Beitrag zu MHD und Verderb in der Bestandsplanung.

Servicegrad

Der Servicegrad misst, wie zuverlässig aus dem Bestand geliefert wurde. Es gibt zwei Definitionen, und sie liefern für dieselbe Lage verschiedene Werte. Der zyklusbezogene Servicegrad (Alpha) fragt, in wie vielen Bestellzyklen der Bestand ausgereicht hat:

Alpha = Zyklen ohne Fehlmenge / Gesamtzahl der Zyklen

Bei 50 Zyklen im Jahr und 3 Zyklen mit Fehlmenge sind das 94 Prozent. Der mengenbezogene Servicegrad (Beta, auch Füllrate) fragt stattdessen, welcher Anteil der Nachfrage sofort bedient wurde:

Beta = (Gesamtbedarf − Fehlmenge) / Gesamtbedarf

Fehlten in den drei betroffenen Zyklen zusammen 180 der 12.000 Kisten, beträgt der mengenbezogene Servicegrad 98,5 Prozent. Im Beispiel liegt Beta höher, weil die Fehlmenge im Verhältnis zum Gesamtbedarf klein ist, obwohl drei Zyklen betroffen waren. Beide Zahlen beschreiben unterschiedliche Aspekte desselben Jahres (zur Unterscheidung Silver, Pyke & Thomas 2017, Kapitel 6). Wer einen Servicegrad berichtet, nennt deshalb immer die Definition dazu; andernfalls ist der Wert nicht eindeutig interpretierbar.

Im Handel hängt daran mehr als eine Zahl: Ein Versprechen, Bestellungen vollständig zu beliefern, orientiert sich eher an der auftrags- oder zyklusbezogenen Sicht. Eine hohe mengenbezogene Füllrate kann dennoch einzelne unvollständige Bestellungen verdecken. Wichtig für Sicherheits- und Meldebestand weiter unten: Das ist der gemessene Servicegrad und damit ein Ergebnis. In die Sicherheitsbestandsformel geht dagegen ein zuvor festgelegter Ziel-Servicegrad ein.

Kapitalbindung

Die Kapitalbindung ist das Geld, das im Bestand steckt.

Kapitalbindung = durchschnittlicher Lagerbestand × Einstandspreis

1.000 Kisten zu 6 Euro ergeben 6.000 Euro. Bewertet wird zu Einstandspreisen, nicht zu Verkaufspreisen, weil nur die Einstandsseite tatsächlich finanziert wurde.

Lagerzinsen

Gebundenes Kapital verursacht kalkulatorische Kosten, weil es nicht anderweitig eingesetzt werden kann, auch wenn dafür kein Bankkredit aufgenommen wurde. Die Rechnung läuft in zwei Schritten. Zuerst wird der Jahreszinssatz auf die durchschnittliche Lagerdauer umgerechnet:

Lagerzinssatz = Kalkulationszinssatz p. a. × durchschnittliche Lagerdauer / 360

Bei 6 Prozent und 30 Tagen Lagerdauer sind das 0,5 Prozent. Dieser Satz wird auf den Wareneinsatz gerechnet, also auf die Ware, die im Jahr durch das Lager geflossen ist:

Lagerzinsen = Wareneinsatz × Lagerzinssatz

72.000 Euro zu 0,5 Prozent ergeben 360 Euro im Jahr. Denselben Betrag erhalten Sie über die andere Seite: 6 Prozent auf eine Kapitalbindung von 6.000 Euro sind ebenfalls 360 Euro (Gudehus 2010).

Der erste Weg fragt, was die Liegezeit je durchgeschleuster Ware kostet, der zweite, was das dauerhaft gebundene Kapital kostet. Dass beide zusammenfallen, ist die Probe auf eine konsistente Rechnung. Nur eines geht nicht: den Lagerzinssatz auf die Kapitalbindung zu rechnen. Dann kürzen Sie die Zeit zweimal heraus und landen bei 30 statt bei 360 Euro.

Eine Abgrenzung gehört dazu: Lagerzinsen sind ausschließlich die kalkulatorischen Finanzierungskosten des Bestands. Lagerpersonal, Fläche, Kühlung, Versicherung und Abschriften stecken nicht darin.

Die sieben Lagerkennzahlen im Überblick

#

Kennzahl

Formel

Einheit

Ergebnis im Beispiel

1

Durchschnittlicher Lagerbestand

(Anfangsbestand + Endbestand) / 2

Menge oder Wert

1.000 Kisten

2

Lagerumschlag

Jahresabgang / Durchschnittsbestand

dimensionslos

12

3

Durchschnittliche Lagerdauer

360 / Lagerumschlag

Tage

30 Tage

4

Lagerreichweite, historisch

Durchschnittsbestand / Tagesverbrauch

Tage

30 Tage

4

Lagerreichweite, operativ

verfügbarer Bestand / erwarteter Tagesbedarf

Tage

8 Tage

5

Servicegrad Alpha, zyklusbezogen

Zyklen ohne Fehlmenge / Zyklen gesamt

Prozent

94 %

5

Servicegrad Beta, mengenbezogen

(Bedarf − Fehlmenge) / Bedarf

Prozent

98,5 %

6

Kapitalbindung

Durchschnittsbestand × Einstandspreis

Geld

6.000 Euro

7

Lagerzinsen

Wareneinsatz × Lagerzinssatz

Geld pro Jahr

360 Euro


Zwischengröße: Lagerzinssatz

Kalkulationszinssatz × Lagerdauer / 360

Prozent

0,5 %

Reichweite und Servicegrad haben je zwei Formeln, die verschiedene Fragen beantworten. Der Lagerzinssatz ist keine eigene Kennzahl, sondern der Rechenschritt vor den Lagerzinsen.

Sicherheitsbestand und Meldebestand sind keine Lagerkennzahlen, sondern Steuergrößen der Disposition

Die beiden folgenden Größen tauchen in vielen Sammlungen von Lagerkennzahlen auf, gehören aber in eine andere Kategorie. Sie sind keine gemessenen Ergebnisse, sondern berechnete und anschließend gesetzte Steuergrößen der Disposition. Gleichzeitig wirken sie auf die Kennzahlen oben zurück: Ein höherer Sicherheitsbestand erhöht den Durchschnittsbestand, senkt den Umschlag und steigert die Kapitalbindung.

Im vereinfachten Modell lässt sich dieser Zusammenhang direkt zeigen: Besteht der bisherige Durchschnittsbestand von 1.000 Kisten vollständig aus Zyklusbestand und werden zusätzlich 200 Kisten Sicherheitsbestand gehalten, steigt der Durchschnittsbestand auf 1.200 Kisten. Bei unverändertem Absatz sinkt der Umschlag von 12 auf 10, die Lagerdauer wächst von 30 auf 36 Tage, und die Kapitalbindung steigt von 6.000 auf 7.200 Euro. Wer Umschlagswerte vergleicht, ohne die zugrunde liegenden Dispositionsparameter zu kennen, vergleicht deshalb teilweise unterschiedliche Entscheidungen statt unterschiedlicher Leistung.

Der Sicherheitsbestand puffert Schwankungen während der Wiederbeschaffungszeit:

Sicherheitsbestand = Sicherheitsfaktor × Standardabweichung der Nachfrage × √Wiederbeschaffungszeit

Beim Einsetzen kommt es auf die Zeiteinheit an: Standardabweichung und Wiederbeschaffungszeit müssen sich auf dieselbe Periode beziehen, also etwa eine Tagesstreuung auf eine Wiederbeschaffungszeit in Tagen. Wer die Jahresstreuung mit einer Lieferzeit in Tagen kombiniert, liegt um ein Vielfaches daneben. Die Form gilt unter drei Annahmen: Die Wiederbeschaffungszeit ist konstant, die Nachfrage schwankt näherungsweise normalverteilt, und der Sicherheitsfaktor stammt aus dem angestrebten zyklusbezogenen Servicegrad (Silver, Pyke & Thomas 2017). Aus einem mengenbezogenen Zielwert lässt er sich nicht ohne Weiteres ableiten, weil dort zusätzlich die Losgröße eingeht. Schwankt auch die Lieferzeit, greift eine erweiterte Formel, die deren Streuung mit aufnimmt. Die Herleitung und die Wahl des Faktors stehen im Beitrag zum Sicherheitsbestand berechnen.

Der Meldebestand ist die Schwelle, bei deren Unterschreiten bestellt wird. Die Wiederbeschaffungszeit darin ist die Spanne von der Bestellung bis zur Verfügbarkeit im eigenen Lager, also einschließlich Wareneingang und Einlagerung:

Meldebestand = Tagesbedarf × Wiederbeschaffungszeit + Sicherheitsbestand

Das gilt für ein Bestellpunktverfahren mit laufender Bestandsprüfung (Brabänder 2020). Schränken feste Bestell- oder Liefertage die Nachschubmöglichkeit ein, muss die relevante Schutzperiode zusätzlich die Zeit bis zur nächsten Bestell- beziehungsweise Liefermöglichkeit berücksichtigen. Bei einer Prüfung in festen Abständen, etwa jeden Montag, wird deshalb statt eines reinen Meldebestands meist ein Bestellniveau verwendet, das Prüfzyklus und Wiederbeschaffungszeit abdeckt. Die dynamische Anpassung beschreibt der Beitrag zum Meldebestand berechnen. Eine weitere Größe grenzt daran an, ohne hierher zu gehören: Die optimale Bestellmenge bestimmt nicht den Bestellzeitpunkt, sondern die Bestellmenge.

Lagerkennzahlen in der täglichen Disposition: was ein Bestellvorschlag abnimmt

Die operative Reichweite für jeden Artikel täglich manuell neu zu berechnen, wird bei einem vierstelligen Sortiment und wechselnden Aktionen schnell aufwendig und fehleranfällig. Genau dort setzen Bestellvorschläge an: Die Dringlichkeitsanzeige beruht auf dem Verhältnis von Bestandsreichweite zu Bestellfrist, sodass der Disponent nicht jede Reichweite einzeln berechnen muss. Entscheidend ist die Nachvollziehbarkeit. Bei Circly gilt: „Vollständige Nachvollziehbarkeit auf Artikelebene: Jeder Bestellvorschlag zeigt Bestand, Reichweite, Lieferzeit, zugrundeliegende Prognose und Lieferantenrestriktionen.“ Die Entscheidung bleibt beim Disponenten, der prüft und freigibt. Ein System, das eine Reichweite ausweist, ohne die zugrunde liegende Bedarfsannahme offenzulegen, verlagert das Problem dieses Artikels lediglich eine Ebene tiefer.

Fazit

Die Reihenfolge entscheidet. Legen Sie zuerst Bewertungsbasis, Periode und Datenkorn fest und dokumentieren Sie diese dort, wo der Bericht entsteht. Bilden Sie anschließend den Durchschnittsbestand aus ausreichend vielen Stichtagen, damit Aktionswochen und Saisonspitzen sichtbar bleiben; bei nur zwei Stichtagen kann eine sechswöchige Aktionsbevorratung vollständig aus der Berechnung fallen. Erst danach sind die abgeleiteten Kennzahlen belastbar, denn Umschlag, Lagerdauer, Kapitalbindung und Lagerzinsen übernehmen jeden Fehler ihrer gemeinsamen Grundlage.

Und erst wenn diese Lagerkennzahlen über mehrere Perioden stabil erhoben sind, ergibt die nächste Frage überhaupt Sinn: ob der Bestand zu hoch ist. Vorher vergleichen Sie Rechenweisen, nicht Bestände. Wie sich die Werte dann interpretieren lassen, behandelt der Beitrag zum Bestandscontrolling.


Weiterführende Quellen

  1. Deutsche Bundesbank (2026): Jahresabschlussstatistik (Verhältniszahlen), Mai 2026, Unternehmen nach Wirtschaftszweigen

  2. VDI 4400 Blatt 2 (2004): Logistikkennzahlen für die Produktion

  3. VDI 4490 (2007): Operative Logistikkennzahlen von Wareneingang bis Versand

  4. Schönsleben, P. (2024): Handbuch Integrales Logistikmanagement, Springer Vieweg

  5. Silver, E.A., Pyke, D.F. & Thomas, D.J. (2017): Inventory and Production Management in Supply Chains, 4. Auflage, CRC Press

  6. Gudehus, T. (2010): Logistik. Grundlagen, Strategien, Anwendungen, 4. Auflage, Springer

  7. Brabänder, C. (2020): Stochastisches Bestandsmanagement. Grundmodelle für Betriebswirte, Springer Gabler

FAQ

Was sind Lagerkennzahlen?

Lagerkennzahlen sind Messgrößen, die aus vorhandenen Bestands- und Bewegungsdaten berechnet werden und beschreiben, wie viel Ware liegt, wie schnell sie umgesetzt wird, wie viel Kapital sie bindet und wie zuverlässig daraus geliefert wurde.

Welche Lagerkennzahlen gehören mindestens dazu?

Sieben decken das Feld ab: durchschnittlicher Lagerbestand, Lagerumschlag, durchschnittliche Lagerdauer, Lagerreichweite, Servicegrad, Kapitalbindung und Lagerzinsen. Sicherheitsbestand und Meldebestand werden oft mitgezählt, sind aber keine Kennzahlen, sondern gesetzte Dispositionsparameter.

Wie berechnet man den durchschnittlichen Lagerbestand?

Entweder als Mittel aus Anfangs- und Endbestand oder aussagekräftiger aus mehreren Stichtagen, zum Beispiel aus Anfangsbestand und zwölf Monatsendbeständen geteilt durch 13. Bei stark schwankender Aktions- und Saisonware liefern häufigere Stichtage oder ein zeitgewichteter Durchschnitt das präzisere Bild.

Was ist der Unterschied zwischen Lagerumschlag und Lagerdauer?

Es sind zwei Darstellungen derselben Größe. Der Umschlag zählt, wie oft der Bestand pro Periode umgesetzt wurde, die Lagerdauer rechnet das in Tage um: 360 geteilt durch den Umschlag. Ein Umschlag von 12 entspricht 30 Tagen Lagerdauer.

Was unterscheidet historische von operativer Lagerreichweite?

Die historische Reichweite teilt den Durchschnittsbestand durch den vergangenen Tagesverbrauch und wertet eine abgelaufene Periode aus. Die operative Reichweite teilt den aktuell verfügbaren Bestand durch den erwarteten künftigen Tagesbedarf und beantwortet, ob jetzt bestellt werden muss. Vor einer Aktionswoche können beide weit auseinanderliegen.

Warum ergeben zwei Servicegraddefinitionen verschiedene Werte?

Der zyklusbezogene Servicegrad zählt Zyklen mit und ohne Fehlmenge, der mengenbezogene Servicegrad die sofort erfüllte Menge. Bei 50 Zyklen, davon drei mit Fehlmenge, beträgt Alpha 94 Prozent. Fehlen insgesamt nur 180 von 12.000 Einheiten, liegt Beta dennoch bei 98,5 Prozent. Beide Werte sind korrekt, messen aber unterschiedliche Aspekte der Lieferleistung.

Was tun, wenn sich ein Artikel im Zeitraum nicht bewegt hat?

Bei fehlendem Abgang ist der Lagerumschlag null; die daraus abgeleitete Lagerdauer und die historische Reichweite sind wegen des Nenners null nicht sinnvoll berechenbar. Eine operative Reichweite kann weiterhin bestimmt werden, wenn ein belastbarer Forecast vorliegt. Nichtdreher sollten in der Gesamtkennzahl enthalten bleiben und zusätzlich separat ausgewiesen werden, damit ihre Kapitalbindung sichtbar bleibt.