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Meldebestand berechnen: Formel, Beispiel und ERP-Praxis
Der Meldebestand bestimmt, wann eine neue Bestellung ausgelöst wird. Ist er falsch gesetzt, kommt die Bestellung zu früh und erzeugt Überbestand, oder zu spät und erzeugt Out-of-Stock. Das eigentliche Problem: In den meisten ERP-Systemen wird der Meldebestand einmal hinterlegt und danach selten überprüft, obwohl sich Lieferzeiten, Verbrauchsmengen und Saisonmuster regelmäßig verändern. Dieser Artikel erklärt die Formel, benennt die häufigsten Veraltungsursachen und zeigt, wie dynamische Anpassung ohne Großprojekt gelingt.

Der Meldebestand, auch Bestellpunkt genannt, ist der Bestand, bei dessen Erreichen eine Bestellung ausgelöst wird. Er berechnet sich als Meldebestand = Tagesverbrauch × Wiederbeschaffungszeit + Sicherheitsbestand. Bei 15 Stück Tagesverbrauch, 7 Tagen Lieferzeit und 30 Stück Sicherheitsbestand sind das 135 Stück: Die 105 Stück decken den Verbrauch bis zur Lieferung, die 30 Stück sind der Puffer. In Schulbüchern und vielen Formelsammlungen heißt der Sicherheitsbestand Mindestbestand; gemeint ist dieselbe Reserve. Dieser Artikel zeigt Formel, Beispiel und Excel-Formel, den häufigsten Rechenfehler und warum ein einmal gesetzter Meldebestand unbemerkt veraltet.
Meldebestand berechnen: Formel, Eingabewerte und Abgrenzung zum Sicherheitsbestand
Der Meldebestand beantwortet eine einzige Frage: Ab welchem Lagerbestand muss ich bestellen, damit die Ware ankommt, bevor der Bestand aufgebraucht ist? Die Antwort hängt von zwei Eingabewerten ab, und beide veralten stiller als gedacht. Wer die Formel kennt, kann jeden hinterlegten Meldebestand überprüfen, statt ihm blind zu vertrauen.
Meldebestand Formel: Verbrauch × Wiederbeschaffungszeit + Sicherheitsbestand
Der Meldebestand, auch Bestellpunkt, im Englischen Reorder Point, ist die Schwelle, bei deren Erreichen eine Bestellung ausgelöst wird. Er gehört zum Bestellpunktverfahren: Bestellt wird nicht in festen Abständen, sondern immer dann, wenn der Bestand die Schwelle erreicht.
Zeichen | Bedeutung | Einheit | im Beispiel |
|---|---|---|---|
V | durchschnittlicher Tagesverbrauch, bereinigt | Stück je Tag | 15 |
WBZ | Wiederbeschaffungszeit, Bestellauslösung bis verfügbare Ware | Tage | 7 |
SB | Sicherheitsbestand, in Formelsammlungen oft Mindestbestand | Stück | 30 |
MB | Meldebestand = V × WBZ + SB | Stück | 135 |
Ohne Sicherheitsbestand bleibt nur der Verbrauch während der Lieferzeit, im Beispiel 105 Stück; dann ist jede Verzögerung eine Fehlmenge. Nach der Lieferzeit umgestellt lautet die Formel WBZ = (MB − SB) / V, also (135 − 30) / 15 = 7 Tage. In Excel genügt =B1*B2+B3 mit dem Tagesverbrauch in B1, der Wiederbeschaffungszeit in B2 und dem Sicherheitsbestand in B3. Wird der Bestand nicht bei jeder Buchung, sondern nur in festen Abständen geprüft, kommt die Zeit bis zur nächsten Prüfung zur Lieferzeit hinzu.
Die drei Bestandteile im Einzelnen: Der durchschnittliche Tagesverbrauch ist der bereinigte tägliche Abverkauf der letzten zwölf bis 24 Monate. Die Wiederbeschaffungszeit (WBZ) ist die Zeitspanne von der Bestellauslösung bis zur verfügbaren Ware, also einschließlich Wareneingangsprüfung und Einlagerung, und zwar der aktuelle, nicht der historische Wert; wie man sie aus eigenen Bestelldaten ermittelt, zeigt der Artikel zur Wiederbeschaffungszeit. Der Sicherheitsbestand ist der Puffer, der separat berechnet wird und den der Artikel zur Sicherheitsbestandsberechnung im Detail behandelt.
Ein Beispielszenario, kein belegter Einzelfall, macht die Rechnung greifbar: Ein Artikel hat einen durchschnittlichen Tagesverbrauch von 15 Stück, eine Wiederbeschaffungszeit von 7 Tagen und einen Sicherheitsbestand von 30 Stück. Der Meldebestand ist dann 15 mal 7 plus 30, also 135 Stück. Sobald der verfügbare Bestand auf 135 Stück fällt, wird eine Bestellung ausgelöst. Intuitiv gesprochen ist der Meldebestand der Bestand, der während der Lieferzeit noch verbraucht wird, plus der Puffer darunter. Wie viel dann bestellt wird, ist eine andere Frage, die der Artikel zur optimalen Bestellmenge beantwortet. Der Meldebestand bestimmt nur den Zeitpunkt, nicht die Menge.
Verfügbar heißt dabei: Lagerbestand plus bereits bestellte, noch nicht gelieferte Ware. Das ist der häufigste Rechenfehler, und er wird teuer, sobald die Lieferzeit länger ist als der Abstand zwischen zwei Bestellungen. Angenommen, die Lieferzeit beträgt 14 Tage, der Meldebestand also 15 × 14 + 30 = 240 Stück, und eine Bestellung über 150 Stück ist unterwegs. Im Lager liegen 120 Stück. Gegen den Lagerbestand geprüft wäre 120 kleiner als 240, und es würde ein zweites Mal bestellt. Mit der offenen Bestellung sind es 270 Stück, und es wird zu Recht nicht bestellt. Ob ein ERP gegen den Lagerbestand oder gegen den Bestand mit offenen Bestellungen prüft, hängt von seiner Einstellung ab und gehört geprüft.
Die Prüffrage: Wissen Sie, mit welchem durchschnittlichen Tagesverbrauch und welcher Wiederbeschaffungszeit der Meldebestand Ihrer zehn umsatzstärksten Artikel berechnet wurde, und ob Ihr System offene Bestellungen mitzählt?
Meldebestand und Sicherheitsbestand: zwei verschiedene Fragen
Die häufigste Verwechslung im Dispositionsalltag ist die Gleichsetzung von Meldebestand und Sicherheitsbestand. Beide sind gekoppelt, haben aber verschiedene Funktionen. Der Sicherheitsbestand ist der Puffer unter dem Meldebestand, der im Normalbetrieb nicht erreicht werden soll. Der Meldebestand ist der Auslösepunkt darüber, bei dem die Bestellung ausgelöst wird.
Der Unterschied lässt sich an einem einfachen Bild festmachen. Wenn der Lagerbestand den Meldebestand erreicht, ist noch genug Ware auf Lager, um die gesamte Lieferzeit zu überbrücken, einschließlich des Sicherheitspuffers. Wird dagegen der Sicherheitsbestand unterschritten, ist etwas schiefgelaufen: Die Wiederbeschaffungszeit war länger als geplant, oder der Verbrauch war höher als prognostiziert. Der Sicherheitsbestand ist also die Reserve für den Ausnahmefall, der Meldebestand der planmäßige Auslöser. Die Grundformel und die Kopplung beider Parameter behandelt der Artikel zur Sicherheitsbestandsberechnung ausführlicher.
Die Prüffrage: Sind in Ihrem ERP Sicherheitsbestand und Meldebestand als getrennte Parameter hinterlegt, oder wird nur einer von beiden explizit geführt?

Wann der Meldebestand korrekt gesetzt ist und wann nicht
Ein Meldebestand lässt sich auf Plausibilität prüfen, auch ohne die genaue Herleitung zu kennen. Zwei Bedingungen müssen immer gelten: Der Meldebestand liegt über dem Sicherheitsbestand, und er liegt über dem Produkt aus durchschnittlichem Verbrauch und Wiederbeschaffungszeit. Sind beide erfüllt, ist die Größenordnung grundsätzlich stimmig.
Zwei Fehlerbilder treten typischerweise auf. Ein zu niedriger Meldebestand liegt nur knapp über dem Sicherheitsbestand und lässt keinen Spielraum für Verbrauchsschwankungen während der Lieferzeit, die Folge sind Fehlmengen. Ein zu hoher Meldebestand liegt deutlich über der Summe aus Verbrauch mal Wiederbeschaffungszeit und Sicherheitsbestand, die Bestellung wird dann regelmäßig ausgelöst, bevor sie nötig wäre, und bindet unnötig Kapital.
Die Prüffrage: Weicht der hinterlegte Meldebestand Ihrer A-Artikel von dem Wert ab, der sich aus aktuellem Verbrauch, aktueller Wiederbeschaffungszeit und Sicherheitsbestand ergibt?
Meldebestand, Mindestbestand und Höchstbestand
Die drei Begriffe stehen oft nebeneinander in einer Formelsammlung und bezeichnen verschiedene Dinge:
Begriff | Frage | Rolle |
|---|---|---|
Meldebestand | Wann wird bestellt? | Bestellschwelle |
Mindestbestand | Welche Reserve bleibt für Unerwartetes? | im Lexikon Synonym für Sicherheitsbestand; im ERP teils Warn- oder Bestellschwelle |
Höchstbestand | Wie viel darf höchstens auf Lager liegen? | Obergrenze, auf die aufgefüllt wird |
Was das Feld Mindestbestand im eigenen ERP tatsächlich steuert, zeigt der Artikel zum Mindestbestand.
Vier Ursachen, durch die ein statischer Meldebestand unbemerkt falsch wird
Ein statischer Meldebestand, also ein einmal gesetzter Wert ohne automatische Aktualisierung, veraltet nicht durch Fehler, sondern durch Veränderung. Vier Faktoren verändern sich im Betriebsalltag regelmäßig, ohne dass der Meldebestand automatisch nachgezogen wird. Der Disponent, der damit arbeitet, macht nichts falsch, ihm fehlt nur ein Prozess, der zur Überprüfung auffordert.
Ursache 1: Die Wiederbeschaffungszeit verändert sich
Der häufigste Veraltungsgrund ist eine veränderte Lieferzeit, die im ERP nicht nachgezogen wird. Liefert ein Lieferant langsamer als früher und bleibt die hinterlegte Wiederbeschaffungszeit unverändert, wird die Bestellung zwar bei scheinbar ausreichendem Bestand ausgelöst, doch bis zur Lieferung ist der Sicherheitsbestand bereits unterschritten. Der Out-of-Stock entsteht, obwohl der Meldebestand rechnerisch eingehalten wurde.
Umgekehrt gilt dasselbe: Liefert ein Lieferant schneller als früher, wird die Bestellung früher ausgelöst als nötig, und es entsteht regelmäßiger Überbestand. Die Liefertreue eines Lieferanten ist deshalb ein direkter Frühindikator für die Verlässlichkeit der hinterlegten Wiederbeschaffungszeit, wie der Artikel zur Lieferantenbewertung im SCM zeigt. Wer die Bewertung des Einkaufs kennt, weiß, welche Wiederbeschaffungszeiten zuerst zu prüfen sind.
Die Prüffrage: Wurden die Wiederbeschaffungszeiten Ihrer zehn wichtigsten Lieferanten in den letzten zwölf Monaten im ERP aktualisiert?
Ursache 2: Der Verbrauch verändert sich
Der zweite Faktor ist der durchschnittliche Tagesverbrauch. Er verändert sich durch einen neuen Großkunden, einen verlorenen Absatzkanal, einen Saisonwechsel oder eine Sortimentserweiterung. Steigt der Verbrauch, während der Meldebestand unverändert bleibt, wird die Bestellung zu spät ausgelöst, weil der Bestand schneller sinkt als bei der ursprünglichen Berechnung angenommen.
Ein methodischer Fehler verschärft das bei saisonalen Artikeln: Ein über das ganze Jahr gemittelter Tagesverbrauch bildet weder die Hochsaison noch die Nebensaison korrekt ab. Für Artikel mit erkennbarem Saisonmuster ist deshalb ein saisonspezifischer Verbrauchswert nötig, nicht der Jahresdurchschnitt. Wie sich Saisonmuster methodisch sauber erfassen lassen, behandelt der Artikel zur Saisonalität in der Prognose. Welche Artikel überhaupt diese Aufmerksamkeit verdienen, ordnet der Artikel zur ABC-XYZ-Analyse ein.
Ursache 3: Die ERP-Einführung als eingefrorener Stichtag
Der dritte Faktor ist der unauffälligste. In vielen Betrieben wurde der Meldebestand bei der ERP-Einführung gesetzt, auf Basis der damaligen Wiederbeschaffungszeit und des damaligen Verbrauchs. Seither steht er unverändert im System. Dieses schleichende Auseinanderdriften von hinterlegtem Parameter und realer Lage ist die Parameterdrift, die der Artikel zu Dispositionsparametern als strukturelles Muster beschreibt.
Je älter das ERP, desto wahrscheinlicher die Abweichung zwischen hinterlegtem und realem Meldebestand. Ein Wert, der vor fünf Jahren korrekt war, kann heute deutlich daneben liegen, ohne dass jemand aktiv einen Fehler gemacht hat. Der Meldebestand ist in solchen Fällen kein Planungsinstrument mehr, sondern ein historischer Richtwert, der den Bestellzeitpunkt bestimmt, ohne die aktuelle Realität zu kennen.
Die Prüffrage: Wann wurde der Meldebestand Ihrer 20 umsatzstärksten Artikel zuletzt systematisch überprüft?
Ursache 4: Saisonalität ohne saisonale Anpassung
Der vierte Faktor führt die ersten beiden zusammen. Ein statischer Meldebestand mit einheitlichem Tagesverbrauch ist bei saisonalen Artikeln zwangsläufig einen Teil des Jahres falsch: In der Hochsaison zu niedrig, weil der reale Verbrauch über dem Jahresmittel liegt, und in der Nebensaison zu hoch, weil er darunter liegt. Die Folge sind systematische Fehlmengen in der Saisonspitze und ebenso systematischer Überbestand in der schwachen Phase.
Die Lösung ist ein saisonaler Meldebestand: zwei Parametersätze für Hoch- und Nebensaison statt eines einzigen Werts. Der Umschaltzeitpunkt orientiert sich am bekannten Saisonverlauf des Artikels, sodass der höhere Meldebestand rechtzeitig vor der Spitze greift. Dieser Schritt klingt aufwendiger, als er ist, weil er nur die wenigen wirklich saisonalen A-Artikel betrifft und dort den größten Fehler behebt. Wer den Meldebestand täglich aus der aktuellen Prognose neu rechnet, braucht keinen Umschaltzeitpunkt, weil der Verbrauchswert der Saison folgt.
Meldebestand dynamisch halten: drei Schritte ohne ERP-Großprojekt
Dynamische Meldebestandssteuerung ist kein Systemthema, sondern ein Prozessthema. Ein dynamischer Meldebestand, also einer, der regelmäßig auf Basis aktueller Wiederbeschaffungszeit und Verbrauchsdaten neu berechnet wird, entsteht durch drei Schritte, die ohne neue Software funktionieren. Der Hebel liegt in der Regelmäßigkeit, nicht in der Technik.
Schritt 1: Aktuelle Wiederbeschaffungszeit je Lieferant prüfen und hinterlegen
Der erste Schritt ist eine einmalige Bestandsaufnahme mit dauerhafter Wirkung. Die tatsächlichen Lieferzeiten der letzten zwölf Monate werden je Lieferant mit der im ERP hinterlegten Wiederbeschaffungszeit abgeglichen. Wo die Abweichung mehr als einen Tag beträgt, als Orientierungswert, wird die Wiederbeschaffungszeit aktualisiert und der Meldebestand neu berechnet.
Die Priorisierung folgt dem Volumen. A-Lieferanten mit dem höchsten Anteil am Bestellvolumen werden zuerst geprüft, weil bei ihnen der Planungsimpact am größten ist. So bleibt der Aufwand beherrschbar, denn die wenigen umsatzstarken Lieferanten decken den Großteil des Risikos ab. Die Ergebnisse aus der Lieferantenbewertung liefern hier die Vorarbeit, wie der Artikel zur Lieferantenbewertung im SCM beschreibt.
Schritt 2: alle Meldebestände regelmäßig neu rechnen, A-Artikel genauer prüfen
Der zweite Schritt macht aus der einmaligen Prüfung eine Routine. Neu gerechnet werden alle Meldebestände im selben Rhythmus, denn ein Artikel, der von C nach A wandert, fällt nur auf, wenn er mitgerechnet wird. Unterschiedlich ist nur, wie genau ein Mensch hinschaut: Bei A-Artikeln wird jede größere Abweichung zwischen hinterlegtem und gerechnetem Wert geprüft, bei C-Artikeln reicht eine Ausnahmeliste. Als Orientierungswert gilt eine sofortige Neuberechnung, wenn sich der Verbrauch um mehr als 20 Prozent verändert.
Für saisonale A-Artikel werden die zwei Parametersätze aus der vierten Veraltungsursache zum Standard: ein Meldebestand für die Hochsaison, einer für die Nebensaison. Die Klassen steuern so die Aufmerksamkeit, nicht die Rechnung. Welche Artikel in welche Klasse fallen, bestimmt der Artikel zur ABC-XYZ-Analyse.
Schritt 3: Auslöser für außerplanmäßige Neuberechnung definieren
Der dritte Schritt ergänzt den festen Rhythmus um ereignisgesteuerte Prüfungen. Bestimmte Ereignisse machen einen Meldebestand sofort veraltet, unabhängig vom Kalender: ein Lieferantenwechsel, eine Konditionsänderung mit Auswirkung auf die Wiederbeschaffungszeit, ein neuer Großkunde, eine Sortimentsveränderung oder ein Saisonwechsel. Diese Auslöser sollten als dokumentierter Prozessschritt hinterlegt sein, nicht als individuelle Gedächtnisleistung eines einzelnen Disponenten.
Am wirksamsten wird der Prozess, wenn die Meldebestand-Überprüfung ein fester Punkt im monatlichen Abstimmungstreffen zwischen Vertrieb, Einkauf und Disposition ist, wie es der Artikel zu S&OP im Mittelstand beschreibt. So wird aus einer leicht vergessenen Einzelaufgabe ein regelmäßiger Tagesordnungspunkt.
In Circly Bestellvorschläge gilt: „Circly kombiniert den prognostizierten Bedarf mit aktuellem Lagerbestand, offenen Bestellungen, automatisch und dynamisch berechnetem Sicherheitsbestand und Lieferzeit zu einer empfohlenen Bestellmenge.“ Bestand und offene Bestellungen kommen dabei aus dem ERP, die Lieferzeit aus den Lieferantenstammdaten.
Der Parameter, der stiller veraltet als jeder andere
Der Meldebestand bestimmt den Bestellzeitpunkt, und er veraltet in den meisten Betrieben unauffälliger als jeder andere Dispositionsparameter. Die Formel ist einfach, das Problem liegt nicht in der Berechnung, sondern in der fehlenden Wiederholung. Ein Wert, der einmal stimmte, bleibt so lange unverdächtig, bis ein Out-of-Stock oder ein Überbestand ihn sichtbar macht.
Drei Sofortschritte lohnen sich. Erstens die tatsächlichen Lieferzeiten der zehn wichtigsten Lieferanten mit der hinterlegten Wiederbeschaffungszeit abgleichen und die Abweichungen über einem Tag finden. Zweitens den Meldebestand der zehn umsatzstärksten Artikel mit der Formel aus durchschnittlichem Verbrauch mal Wiederbeschaffungszeit plus Sicherheitsbestand neu berechnen, mit dem ERP-Wert vergleichen und prüfen, ob das System offene Bestellungen mitzählt. Drittens für saisonale A-Artikel prüfen, ob ein einheitlicher oder ein saisonspezifischer Meldebestand hinterlegt ist.
Ein Meldebestand, der auf aktueller Wiederbeschaffungszeit und bereinigten Verbrauchsdaten beruht und regelmäßig neu gerechnet wird, ist kein Zusatzaufwand. Er ist der kleinste Schritt, der die meisten stillen Fehler in der Bestellauslösung verhindert. Und er ist die Voraussetzung dafür, dass eine spätere Automatisierung der Bestellvorschläge auf richtigen Werten aufsetzt statt auf eingefrorenen Annahmen aus dem Jahr der ERP-Einführung.
Weiterführende Quellen
Oeldorf, G. & Olfert, K. (2008): Materialwirtschaft, Leseprobe S. 186 bis 190
Caplice, C. (2006): Inventory Management, Lecture 11, MIT OpenCourseWare
FAQ
Was ist ein Meldebestand?
Der Meldebestand (Reorder Point) ist der Lagerbestand, bei dessen Unterschreitung das System eine Bestellung auslöst. Er berechnet sich aus dem durchschnittlichen Verbrauch während der Wiederbeschaffungszeit plus dem Sicherheitsbestand. Der Sicherheitsbestand ist der Puffer unterhalb des Meldebestands, der im Normalbetrieb nicht verbraucht werden soll, sondern nur Schwankungen auffängt. Der Unterschied: Der Meldebestand ist der planmäßige Auslösepunkt, der Sicherheitsbestand die Reserve für den Ausnahmefall. Beide sind gekoppelt, denn der Sicherheitsbestand ist ein Bestandteil der Meldebestandsformel.
Wie berechne ich den Meldebestand?
Der Meldebestand berechnet sich nach der Formel: durchschnittlicher Tagesverbrauch mal Wiederbeschaffungszeit in Tagen, plus Sicherheitsbestand. Ein Beispiel: Bei einem Tagesverbrauch von 15 Stück, einer Wiederbeschaffungszeit von 7 Tagen und einem Sicherheitsbestand von 30 Stück ergibt sich ein Meldebestand von 15 mal 7 plus 30, also 135 Stück. In Formelsammlungen steht statt Sicherheitsbestand oft Mindestbestand; gemeint ist dieselbe Reserve. Sobald der Bestand einschließlich offener Bestellungen diese Grenze erreicht, wird bestellt. Wichtig ist, dass beide Eingabewerte aktuell sind: der Verbrauch als bereinigter Durchschnitt der letzten Monate und die Wiederbeschaffungszeit als tatsächlicher, nicht historischer Wert.
Was ist die Wiederbeschaffungszeit, und wie aktuell ist der Wert in meinem ERP?
Die Wiederbeschaffungszeit (WBZ) ist die Zeitspanne von der Auslösung einer Bestellung bis zur verfügbaren Ware, also einschließlich Wareneingangsprüfung und Einlagerung. Sie ist einer der beiden kritischen Eingabewerte für den Meldebestand. In vielen ERP-Systemen wurde die Wiederbeschaffungszeit bei der Einführung gesetzt und seither nicht aktualisiert, obwohl sich Lieferzeiten verändern. Der einfachste Test ist ein Abgleich der tatsächlichen Lieferzeiten der letzten zwölf Monate mit dem hinterlegten Wert. Weicht die Realität um mehr als einen Tag ab, ist der Meldebestand automatisch falsch, weil er auf einer veralteten Wiederbeschaffungszeit beruht.
Warum löst mein ERP Bestellungen zu früh oder zu spät aus?
Meist liegt es an einem veralteten Meldebestand. Zu frühe Bestellungen entstehen, wenn die Wiederbeschaffungszeit gesunken oder der Verbrauch zurückgegangen ist, der Meldebestand aber unverändert hoch bleibt, so wird zu früh ausgelöst und Überbestand aufgebaut. Zu späte Bestellungen entstehen umgekehrt, wenn die Wiederbeschaffungszeit gestiegen oder der Verbrauch angezogen ist, der Meldebestand aber zu niedrig bleibt, so kommt die Ware nach dem Stockout. In beiden Fällen ist nicht der Bestellprozess defekt, sondern der hinterlegte Auslösewert veraltet.
Was ist Parameterdrift, und wie erkenne ich ihn beim Meldebestand?
Parameterdrift ist die schleichende Veränderung der realen Nachfrage- und Lieferbedingungen, die nicht in den hinterlegten Parametern gespiegelt wird. Beim Meldebestand zeigt sie sich, wenn Wiederbeschaffungszeit oder Verbrauch sich verändert haben, der hinterlegte Wert aber gleich geblieben ist. Erkennen lässt sie sich an wiederkehrenden Mustern: Ein Artikel, der regelmäßig kurz vor der Lieferung leerläuft, hat einen zu niedrigen Meldebestand. Ein Artikel, bei dem die Bestellung eintrifft, während das Lager noch gut gefüllt ist, hat einen zu hohen. Beides sind Symptome von Parameterdrift.
Wie oft sollte ich den Meldebestand überprüfen?
Neu gerechnet werden sollten alle Meldebestände im selben Rhythmus; die ABC-Klasse bestimmt nur, wie genau Abweichungen geprüft werden. Zusätzlich lohnt eine sofortige Neuberechnung bei einer Verbrauchsveränderung von mehr als 20 Prozent oder bei klaren Auslösern wie Lieferantenwechsel, neuem Großkunden oder Saisonwechsel. Wichtiger als die exakte Frequenz ist die Regelmäßigkeit: Ein fester Termin, etwa im monatlichen Abstimmungstreffen zwischen Einkauf und Disposition, verhindert, dass die Überprüfung im Tagesgeschäft untergeht und die Parameter still veralten.
Brauche ich für saisonale Artikel einen eigenen Meldebestand je Saison?
Ja, bei Artikeln mit erkennbarem Saisonmuster ist ein einheitlicher Meldebestand über das ganze Jahr methodisch falsch. Ein über das Jahr gemittelter Tagesverbrauch ist in der Hochsaison zu niedrig und in der Nebensaison zu hoch, mit der Folge von Fehlmengen in der Spitze und Überbestand in der schwachen Phase. Die Lösung sind zwei Parametersätze: ein höherer Meldebestand für die Hochsaison, ein niedrigerer für die Nebensaison, mit einem Umschaltzeitpunkt kurz vor dem Saisonwechsel. Dieser Aufwand lohnt sich vor allem für die saisonalen A-Artikel, wo der Fehler am teuersten ist.
Wie berechnet man den Meldebestand ohne Mindestbestand?
Ohne Mindestbestand, also ohne Sicherheitsbestand, ist der Meldebestand nur der Verbrauch während der Lieferzeit: Tagesverbrauch mal Wiederbeschaffungszeit. Bei 15 Stück am Tag und 7 Tagen Lieferzeit sind das 105 Stück. Die Ware kommt dann rechnerisch genau an, wenn das Lager leer ist; jede Verzögerung und jeder Mehrverbrauch wird zur Fehlmenge.
Wie berechnet man den Meldebestand in Excel?
Mit einer Zelle: =B1*B2+B3, mit dem Tagesverbrauch in B1, der Wiederbeschaffungszeit in Tagen in B2 und dem Sicherheitsbestand in B3. Ob bestellt werden muss, zeigt ein Vergleich mit dem Bestand einschließlich offener Bestellungen, etwa =WENN(B4+B5<=B6;"bestellen";"nicht bestellen") mit Lagerbestand in B4, offenen Bestellungen in B5 und dem Meldebestand in B6.
Wie berechnet man den Meldebestand, wenn der Bestand nur in festen Abständen geprüft wird?
Dann muss der Meldebestand auch die Zeit bis zur nächsten Prüfung abdecken: Tagesverbrauch mal der Summe aus Wiederbeschaffungszeit und Prüfabstand, dazu der Sicherheitsbestand. Wird einmal am Tag geprüft, kommt ein Tag hinzu. Bei 15 Stück Tagesverbrauch, 14 Tagen Lieferzeit und 30 Stück Sicherheitsbestand sind das 15 mal 15 plus 30, also 255 statt 240 Stück.
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